Bobbycar fuer Grosse

Sonntag, 19.10.2014

Vor mir liegt wiederholt die kahle Duenenlandschaft des Worimi Conservation Lands. Mein rechter Daumen schmerzt unter dem pausenlosen Druck, dem ich ihm aussetze. Das aufheulende Brummen der Quad Bikes sagt mir, dass es weiter geht. Beine zusammen kneifen, Daumen ans Gas und los, denk ich, als Sam vor mir die naechste Duene hoch rast. Ein grandioser Spass, den wir uns da goennen, ueberleg ich, als unser Leiter auf seinem blauen Quad seinen linken Arm auf und ab bewegt. Langsam, meint er. Scheint, als komme da ein Abgrund, denk ich, strecke den Finger ab um kurz darauf mit ordentlich Speed den Huegel hinunter zu brettern. ‘Jeeehaaa’, jodelt es in meinem Kopf, als das innere meiner Bauchgegend erst zu schweben scheint, und meinem restlichen Koerper anschliessend wieder nach unten folgt. Mein Hintern knallt auf den Sattel des Bikes. Wer bremst verliert, denk ich, und schmeisse mich in die naechste Kurve. Der Sand fliegt zu meiner Rechten, das Quad versucht auszubrechen, waehrend ich mit aller Kraft meinen gesamten Koerper nach links lehne. Immer schoen oben bleiben, denk ich, runterfallen waere jetzt peinlich. Gekonnt habe ich die Kinder und Unsicheren hinter mir gelassen und mich an dritte Stelle unserer kleinen Karavane gekaempft. Ich bin schnell, risikobereit und zuversichtlich. So ein Spass, denk ich, und erspaehe kurz darauf auf meiner Linken das verrostete Wrack der Sygna im Meer. Erinnert mich an Fraser Island, denk ich, muss mich aber bald wieder auf den Pfad konzentrieren, als ich den Sand meines Vordermannes prasselnd in meinem Gesicht spuere. Verdammte Kacke, Sonnenbrillen waeren echt schlau gewesen. Hektisch reibe ich mir das traenende Auge und versuche mein rotes Quad Bike mit einer Hand zu steuern. Kurvig geht es die naechste meterhohe Duene hinauf. Rechts, links, rechts - und den Busch bitte nicht mitnehmen. Auf gerader Strecke schlinger ich extra. Man muss ja das meiste mitnehmen, denk ich. So schnell werd ich das hier wahrscheinlich nicht wieder machen. Eine halbe Stunde nach dem Start halten wir am Schiffwrack. Das Wasser prescht durch die rostigen Loecher des Hecks waehrend der Gruppenfuehrer etwas von bruetenden Haien erzaehlt. Irgendwie haben’s die hier aber auch mit Haien, denk ich halbherzig, und knippse froehlich ein paar Fotos von mir, Sam und dem Boot. Ein paar Minuten spaeter sitzen wir wieder auf und rasen ein paar weitere Duenen rauf und runter, bis wir endlich wieder bei den Autos ankommen. Mit einem breiten Grinsen setze ich den Helm ab. “You’re pretty good in this!”, lobt mich der motorraderfahrene Sam ueberrascht. “I’m pretty good in everything!”, konter ich mit einem Zwinkern, und frage ihn, was er denn bitte erwartet hat. Wenn es irgendwo wild zu geht, bin ich doch meistens dabei. Strahlend nehme ich ihn in den Arm. “What a good idea.”

Today I feel like a horse-barber

Freitag, 17.10.2014

Das Summen des Rasieres fuellt die offenen Boxen mit einem ungewoehnlichen Gerausch. Meine Hand vibriert leicht, als ich Spikes sanfte Nuestern beruehre. “No, don’t move your head in the other way, I need you here!” Vorsichtig ziehe ich an seinem Halfter und klemme sein grosses Pferdegesicht zwischen Schulter und Arm. Georgia, angehende Pferdewirtin und Reitlehrerin auf Jessies Horse Academy, faehrt nachher mit ihrem Paint Horse auf eine Western Show nach Wauchope. Der gescheckte Spike muss dafuer blitzblank sein, seine weissen Flecken sollen am Besten rosa glaenzen. Ich versuche das kleine, einzelne Barthaar an seiner Nase zu erwischen, als das Pferd mit der Unterlippe lustig anfaengt am laufenden Rasierer zu knabbern. “Hey, I’m sure you don’t want that!” Sachte schiebe ich seinen Kopf etwas nach oben, um besser an die Haerchen unter seinem Kinn zu gelangen. Wirklich fast wie die Rasur eines Maennerbartes, denke ich belustigt, und fahre mit dem Rasierer ueber die runde Stelle, immer darauf bedacht nicht zu viel wegzuschneiden. Eben haben wir ihn bereits geduscht. Obwohl er es weniger gemocht hatte als die Rasur, hat er es mehr oder weniger angetan ueber sich ergehen lassen. Nur gut, dass dieses Pferd in Australien lebt und nicht in England, dachte ich, als Georgia ihn mit dem gruenen Gartenschlauch abgespritzt hat. Er hasst es wirklich nass zu werden, besonders von oben. “And? How’s he going?”, fragt Spikes Besitzerin und holt mich aus meinen Gedanken zurueck, waehrend sie Spikes Schweif geduldig kaemmt. “Almost done, what about the hair over here at his eye? I mean, not the eyelash but this here?” Koenne ich abrasieren, meint sie, es sei aber etwas schwieriger. Alles klar, denk ich, ich versuch mich mal. Vorsichtig naehere ich mich seinen Augen. Immerhin haellt Spike still. Nur das mit dem Augen zusammen kneifen kommt irgendwie nicht so gut, stelle ich kurz darauf fest. Ich sage Georgia besser nicht, dass ein paar seiner Wimpern bei meiner Rasur leiden mussten, denk ich zerknirscht und lege meine Stirn in Falten. “Allright, all done”, mein ich, und schalte den Apparat ab. Ich glaube, das war’s. Spike strahlt foermlich, sein strohiger Schweif faellt in ordentlichen Wellen. Ein wirklich schoenes Pferd, stelle ich fest. Und gross. Ich habe Pferde mit Flecken eh schon immer mehr gemocht als diese ollen Braunen, denke ich. Selbst nach eineinhalb Monaten aushelfen hier auf der Farm komme ich mit denen immer noch durcheinander. Ist es nun Zip, Gomer oder Monty? Einzig die Blesse hilft mir da weiter. Bloed nur, wenn sie dann auch noch die Fliegenmaske tragen, musste ich eines Tages fest stellen. Dann bin ich so gut wie Game Over, denk ich amuesiert. “Hey Georgia, I might go home now”, meine ich zu der jungen Frau, greife nach meinem blauen Jeanshemd und wuensche ihr ausserdem viel Glueck fuer morgen. “We’ll see us on Monday!” Meine letzte Woche bricht an, denk ich, ich hoffe nur, dass Rain ihr Fohlen doch noch bekommt, solange ich noch da bin.

Aber nur, wenn du mit mir Bushwalken gehst

Samstag, 27.09.2014

Staunend stehe ich am Abhang. Verdammt, wie weit geht das denn bitte runter, frag ich mich mit gehoerigem Respekt und traue mich nur langsam weiter an den Abgrund. Ich muss mich hinknien, weil ich tatsaechlich Angst habe, dass ich aus irgendeinem Grund das Gleichgewicht verlieren koennte. Dabei ist es noch nicht mal richtig windig. Etwa scheu versuche ich Sam davon abzuhalten, meine Kamera in die Tiefe fallen zu lassen. Unruhig schaue ich ihm zu, wie er sich leicht ueber die Kante baeugt, als er meint, er koenne von dort aus das beste Foto schiessen. Und was hab ich davon wenn du jetzt abstuerzt, denk ich verzweifelt, und stelle mir vor, wie es waere, alleine den ganzen Weg zurueck laufen zu muessen, in die naechste Stadt zu fahren, einen Notruf abzusetzen und anschliessend seinen Eltern zu erklaeren, dass ihr Sohn zu doof zum Wandern war. Aber Sam kennt wie immer keine Furcht. “Come on, let’s go further”, mein ich zu ihm, und muss ihn nach unserem gestrigen Bushwalk am Wineglass Bay fast schon scheuchen. Dabei war er derjenige, der unbedingt in die Natur wollte. Veruebeln kann ich’s ihm nicht, natuerlich war ich voller Eifer dabei diesen Kurzurlaub zu planen, als er meinte, dass es doch eine gute Idee sei, nach Tasmanien zu fliegen. Der Weg zum Cape Raoul soll hin und zurueck gute fuenf Stunden schlucken, hiess es im Internet. Eigentlich mag ich ja keine Return-Walks, dachte ich mir damals, aber der Ausblick am Ende sah lohnenswert aus.

Waehrend mir regelmaessig von rechts und links kratzige Zweige ins Gesicht schlagen und meine Strumpfhose zerreissen, faengt Sam fuer mich Spinnennetze ab. Wieder und wieder hoere ich ihn jammern und sich beschweren. Ich muss lachen, als er wiederholt mit seinen Haenden in der Luft fuchtelt. “Maybe I should go first, hm?”, biete ich ihm an. Ich wuerde mich immerhin nicht so anstellen, denk ich amuesiert. “Awww, Lisa, could I get your stick?”, fragt er mich, beim naechsten mal nach meinem Wanderstab, den ich unterwegs gefunden habe. Stadtkinder… saeufze ich innerlich, und reiche ihm das Holz. “ Seems like there is still a lot go..”, mein ich ernuechtert und setzte tapfer einen Fuss vor den anderen. Die Leute, die uns unterwegs entgegen kamen, meinten, es sei nicht mehr weit. Vielleicht zehn Minuten.

Eine weitere dreiviertel Stunde spaeter befinden wir uns auf der steinernen Ebene und bewundern die in Saeulen abfallenden Steinfelsen an der Spitze des Kaps. “Wow”, mein ich, und folge Sam durch den teils schlammigen Untergrund und die pieksigen Buesche. “’That looks amazing!”, meint er begeistert. Irgendwie sieht das alles unreal aus, denke ich, und beginne meine eigenen Kreise zu ziehen. Selbst der Boden sieht aus wie eine kleine Miniaturwelt aus weiteren Kratern und Felsen. Auf meiner rechten Seite liegt ein kleiner Teich, der sich im Winter vermutlich mit Regenwasser fuellt. Versonnen gehe ich ein paar Schritte weiter und blicke auf’s Meer. Wir sind tatsaechlich die einzigen weit und breit. Wie oft hat man es schon in Deutschland, dass man tatsaechlich auf unberuehrte Natur stoesst, denke ich, und kicke einen der braunen Steine den Abhang hinunter. Wie einsam man hier sein kann. Wir sind gute zwei Stunden ins Nichts gelaufen, sind unterwegs lediglich ein paar Voegeln, drei Menschen und einer Schlange begegnet. Wahrscheinlich ausserdem zehntausend Spinnen und anderen Krabbeltieren, meint mein Unterbewusstsein spoettisch, aber im Grunde sind wir ziemlich allein. “Do you want to have a break before we start heading back?”, frag ich Sam und setze mich auf einen Stein in die Sonne. Nachher geht es weiter mit dem Mietwagen Richtung Hobart. Ich glaube, ich mag Tasmanien, denk ich, und finde es fast schon schade, dass ich mir nicht mehr Zeit genommen habe, es zu erkunden. Eines Tages, denk ich, werd ich zurueck kommen.

 

Der klägliche Versuch des Sandsurfens

Sonntag, 14.09.2014

Der gelbliche Sand rinnt warm und fein durch meine Finger, weit entfernt hoere ich die Wellen rauschen. Es ist ein beruhigendes Gefuehl dem Rinnsal mit den Augen zu folgen, jeden Zentimeter schwinden zu sehen, wie einzelne Sandkoerner sich den Weg die Duene hinab suchen. “Das sieht echt schon aus, als wuerde es fliessen”, meine ich zu Lisa, “fasst schon wie Wasser. Irre.” Ich liege in den wuenstenaehnlichen Duenen des Worimi Conservation Lands in Anna Bay. Waehrend ich die scheinbare Weite geniesse, suchen sich die kleinen Kristalle den Weg durch meine Waesche und kratzen kaum merklich an meiner Haut. Den Sand werd ich bestimmt nie wieder los, denke ich, wische mit meiner Hand jedoch weiter am unteren Ende des Huegels um den Sandfluss nicht abbrechen zulassen. “Ich versuchs noch mal”, meint Lisa, meine Ex-Mitbewohnerin aus Marburg. “Ich wuerde sagen, das klappt nicht”, mein ich und grinse ertappt. Die Pappkartons, die wir bei Coles haben mitgehen lassen, wollen einfach nicht rutschen. ‘Ne normaler Pappe reicht!’, haben sie mir erzaehlt. ‘Macht bloss nicht so ‘ne Tour, das ist nur rausgeschmissenes Geld’. Pustekuchen. Da sitzen wir nun. Lisas Untersatz bohrt sich in den weichen Boden. Sie versucht sich mit den Beinen Schwung zu geben und zieht die Pappe nach vorn. Ich habe schon lange aufgegeben. “Na? Klappts?”, lache ich, und bewundere ihren Ehrgeiz. “Neeein. Da rutscht man ja ohne Pappe besser.” Lisas Unterlippe schiebt sich leicht nach vorn. “So ein Mist.” Dabei wollten wir doch einfach nur ganz cool Sandsurfen gehen. Und dafuer nicht eines der Holzbretter mieten, die sie am Strand bei den Touren verteilen. Inzwischen sind wir bei Duene Nummer fuenf angekommen. Vielleicht ist ja die da hinten besser, meinte ich, oder die da. Kaum waren wir da, fand ich einen hoeheren, vermeintlich besseren Huegel dahinter. Inzwischen sitzen wir im wahren Nichts, umgeben von Sand. Nur Sand. Etwas weiter entfernt kann man ein paar Baeume eranhnen. Hin und wieder erspaeht man auf den Kuppen der Duenen Spaziergaenger. Inzwischen beginnt die Sonne langsam unterzugehen. Unsere Umgebung taucht sich in ein goldgelbes Licht. Es wird kuehl. “Vielleicht sollten wir so langsam gehen?”, fragt Lisa zweifelnd. Der Sand rinnt ihr zwischen den Fingern herab. “Nein. Ich kann nicht. Es ist so schoen”, mein ich, kletter nach oben und lasse mich, begonnen mit einem gekonnten Hechtsprung, die Duene runter rollen. Unvermeidlich fange ich an zu lachen. Eine Scheissidee, stelle ich keine zwei Sekunden spaeter fest und presse die Lippen aufeinander. Unten angekommen knirschen meine Zaehne. Ich habe Sand am ganzen Koerper. Meine Freundin lacht und knippst Fotos mit ihrem Handy. Bloed nur, dass ich meine Kamera nicht dabei hab, das waeren ein paar super Fotos, denk ich ernuechtert, aber wahrscheinlich ist es besser so. Danach koennte ich sie wegschmeissen, so fein wie der Sand ist. “So, jetzt koennen wir gehen”, grinse ich und klemme mir meine Pappe unter den Arm. Die Schuhe schwinge ich ueber meine Schulter. Lohnt sich ja doch nicht, sie anzuziehen. “Nagut… Echt schade, dass das nicht geklappt hat mit dem Surfen”, fasst Lisa enttaeuscht zusammen. “Ja, echt mal", stimme ich ihr zu, "aber ich fand’s trotzdem schoen.” Gemeinsam machen wir uns auf den Weg den Ausgang aus diesem Labyrinth zu finden. Zurueck lassen wir einzig unsere Fussspuren.

Uluru

Montag, 11.08.2014

Bevor wir nun zum eigentlichen Ziel fahren, haben Esther, Tobi und ich beschlossen, das es zeitlich gesehen das Beste ist, wenn wir uns erst das Informationszentrum ansehen. Inzwischen ist es ungefaehr frueher Nachmittag. Gegen 6.30 Uhr geht die Sonne unter. Da heisst, allerspaetestens dann muessen wir am Sunset View Lookout sein. Das Farbspektakel wollen wir uns natuerlich nicht entgehen lassen. „Sollen wir vielleicht einfach an diesem Lookout kochen nachher?“, fragt Esther in die Runde. „Oh, voll die gute Idee! Dann sitzen wir da voll erste Reihe in unseren Campingstuehlen. Ohja, ich mag Essen und Ulurugucken“, meine ich begeistert und sehe uns bereits am Nudelkochen. „Dann also jetzt Uluru?“, fragt Tobi erwartungsfroh.

Als wir zehn Minuten spaeter am Parkplatz ankommen, wimmelt es nur so von Touristen. Autotueren knallen, Kinder quieken froehlich umher. Man, ist das kuehl hier wieder mal. Entgegen meiner Erwartungen scheint es selbst auch tagsueber im Outback kalt zu sein. In meinen Schal gewickelt versuche ich den Wind abzuhalten. „Los?“, frag ich und schaue Esther gespannt an. Fuer sie ist der rote Fels das Highlight Australiens. Alles, wovon sie immer getraeumt hat. Gemuetlich schlendern wir also zum Vorplatz des Felsens. Ein grosses, weisses Schild begruesst uns: ‚Please don‘t climb‘. Bereits im Infocenter haben wir uns reichlich ueber die Kultur und die Wuensche des Stammes der Anangu belesen. Weil der Fels fuer die Aborigines kulturell und spirituell heilig ist, moechten sie nicht unbedingt, dass die Leute hochklettern. Im naechsten Moment kann ich meinen Mund vom Aufklappen nicht abhalten. „Das ist der Weg nach oeben?? Irgendwie hab ich mir das ein bisschen anders vorgestellt“, ruf ich unglaeubig aus. Vor uns eroeffnet sich steil und auf rotem Untergrund der Weg nach oben. Deswegen haben die ueberall die Warnschilder. Von wegen keine alten Leute, keine Kinder, keine Menschen mit Herzproblemen. Eigentlich ist es wohl auch recht selten, dass der Pfad ueberhaupt geoeffnet ist. Zu heiss, zu windig, es regnet oder die Ureinwohner halten gerade eine Zeremonie ab. An Trauertagen ist ebenfalls geschlossen. Und weil sogar die Regierung nicht will, dass die Leute klettern, weil es einfach zu gefaehrlich scheint – und nun kann ich es nachvollziehen – versteh ich erst recht nicht, warum der Weg fuer die Weltbevoelkerung immer noch offen ist. Der Reisefuehrer sagt, dass befuerchtet wird, dass die Touristen ausbleiben, wenn sie den Ayers Rock nicht mehr besteigen koennen. Voelliger Quatsch, wie ich finde. Die haben doch keine Ahnung, was dieser Heilige Berg fuer einen Eindruck im Rest der Welt hinterlaesst, denk ich. Australien, das Outback und der beruehmte Fels sind in den Koepfen der westlichen Gesellschaft unweigerlich verknuepft, schaetze ich, und mache ein Foto vom Warnschild. „Man, jetzt wo ich das sehe, will ich doch rauf!“ Tobi kaempft mit seinem Gewissen. „Warum hab ich nur unterschrieben, dass ich nicht kletter?“ Im Infocenter lag ein Buch aus, in das sich jeder eintragen kann, der dem Wunsch der Aborigine Gemeinde nachkommt, und ruecksichtsvoll nicht klettert. „Waaah, man.“ „Hey Tobi, immerhin kannst du am Ende stolz erzahlen, dass du nicht hoch bist. Auch wenn ich zugeben muss, dass es mich auch reizen wuerde. Ich finde trotzdem, wir sollten das wuerdigen.“ Seine Freundin umarmt ihn besaempftigend. „Schatz, ich moechte gerne den Rundweg machen. Ich will wenigstens einmal herumgelaufen sein.“ „ Schaffen wir das denn noch? Ich mein, die sagen, drei Stunden sollte man schon einplanen. Jetzt ist es halb vier. Das wird ganz schoen knapp mit dem Sonnenuntergang. Und den will ich definitiv nicht verpassen“, merke ich zweifelnd an. Etwas traurig und zeitgleich trotzig starrt Esther auf ihre Schuhe. „Okay, du willst das wirklich machen, hm?“, stellt Tobi fest, waehrend er sie anschaut. „Ja...“ „Dann muessen wir wohl morgen wieder kommen“, beschliesst Tobi fuersorglich. „Okay, kommen wir halt morgen frueh wieder. Dann latschen wir drum rum und gucken, wie weit wir danach noch kommen mit dem Auto“, mein ich. Wird schon klappen, hoffe ich in Anbetracht meines Rueckfluges in ein paar Tagen. Der Zeitplan ist knapp gehalten.

„Ich mag auch noch ein Foto!“, mein ich zu Esther, waehrend Tobi die Nudeln kocht, und druecke ihr meine Kamera in die Hand. Die Campingstuehle stehen tatsaechlich in erster Reihe vor dem kleinen Zaun, der den Lookout begrenzt. Mit einigen anderen Touristen warten wir auf den Sonnenuntergang. Als ich mich zu Tobi umdrehe, der hinter uns am Auto im Topf ruehrt, entdecke ich, dass der Himmel immer dunkler wird. Wolken ziehen auf, es sieht nach Regen aus. Bald wird die Sonne hinter ihnen verschwunden sein. „Oh nein, sieht fast so aus, als wird das heute nichts mit dem Farbspektakel. Guck mal...“ Ich deute mit dem Finger in den Himmel. Wir nehmen es ueberraschend gelassen, setzen uns und essen unsere Pasta. Die anderen Zaungaeste werfen uns neidische Blicke zu. „Ich glaube ja wirklich nicht, dass das hier noch was wird“, meine ich zu Tobi. „Ne, glaub ich auch nicht. Wir koennten genauso gut gehen“. Schweigend starren wir auf den Uluru. Fast unmerklich aendert sich die Farbe. Die ersten Touris zuecken ihre Kameras. Hui, fast haette ich es verpasst, merke ich ueberrascht. Das kam ja unerwartet schleichend. „Wow, damit hab ich wirklich nicht mehr gerechnet“, sag ich begeistert. Vom leichten Orange beginnt der Stein in tiefen Rottoenen zu strahlen, bevor sich nur Sekunden spaeter ein Grauschleier von rechts nach links ueber ihn legt. Ich bin beeindruckt. So krass hab ich mir das gar nicht vorgestellt, denk ich, und schiebe mir die letzte Nudel in den Mund. Ein ziemlich gutes Abendessen, resumiere ich, als die Leute kurze Zeit spaeter anfangen, ihre Sachen zu packen. Die Motoren der Autos starten, waehrend Esther und Tobi noch immer auf dem Autodach stehen, und den Sonnenuntergang hinter uns bewundern. Die Wolken gluehen inzwischen in atemberaubenden Rot. Fast sieht es aus, als wuerde der Himmel brennen. „Hey ihr Suessen, sollen wir nicht auch mal los?“, frag ich, wahrend ich den letzten Campingstuhl in seine Verpackung quetsche. Zufrieden und gluecklich sitzen wir kurz darauf im Auto und steuern im Dunkeln auf unser Nachtlager zu. Eine mittelgrosse Campingbucht am Rande der Strasse. Die ersten Backpacker haben bereits ein Lagerfeuer gestartet. Nichts desto trotz fallen wir voellig erschoepft ins Zelt. Morgen geht’s zum Sonnenaufgang wieder los. Nach einer letzten Runde Uno, starte ich also mein Einpackritual und kuschel mich auf meine Isomatte.

 

Outbackcampen

Sonntag, 10.08.2014

Waehrend ich in meinem blauen Zelt sitze und mich in meine zehntausend Decken wickel, ich habe ja dazugelernt, quatsche ich mit Tobi und Esther. Die beiden haben mich in Coober Pedy aufgegabelt, als wir gerade dabei waren, die armen und mutterlosen Kaengurus im Kaenguru-Weisenhaus zu bemitleiden. Mit ihnen, ihrem 4-Wheel-Drive und ihrer Campingausruestung bin ich nun auf dem Weg zum Herzen Australiens: dem Uluru. Die Fahrten sind lang, die naechste Tankstelle meistens gute 300 km weit weg und gecampt wird in der Wildnis. Die toten Kuehe am Strassenrand, die ich sonst nur aus dem Fernsehen kannte, irritieren mich inzwischen kaum noch, ueberleg ich morbide. Es ist interessant nachts dazuliegen und zu wissen, man ist so weit weg von jeglicher Zivilisation… Es gibt nur uns drei hier, denk ich, und greife nach meiner Taschenlampe. Und naja, vielleicht die Idioten von nebenan, die ihr Lagerfeuer himmelhoch anfeuern, aber ansonsten herrscht Einsamkeit. Der Vollmond scheint heller denn je, die Geraeusche sind unbekannt. Vielleicht hoert man hier und da einen Dingo heulen, vielleicht wacht man morgens von dem Hufeklappern eines Wildpferdes auf, das gemuetlich an der Zeltschnur knabbert. Dieser Trip ist ein Abenteuer. Mal wieder hatte ich relative wenig geplant und alles auf mich zukommen lassen. “Bist du inzwischen eingepackt?”, fragt Tobi spoettisch amuesiert. “Nich so richtig, bin bei Lage Nummer drei. Muss jetzt fast nur noch in den Schlafsack, irgendwie”, antworte ich ihm in dem Bewusstsein, wie bescheuert das aussehen muss. Meine Fuesse stecken in einer neongruenen Decke, mein Koerper in meinem Innenschlafsack. Irgendwie versuche ich also halb gefesselt in meinen eigentlichen Schlafsack zu kommen. Anschliessend muss ich nur noch die warme Decke, die gross genug ist, um unter und ueber mir zu liegen, ueber mich schwingen und die blaue Decke aus dem Op-Shop obendrueber hiefen. Kein Wunder, dass Esther anfaengt, mich auszulachen. Auch das Outback ist nachts bitterkalt. Aber diesmal bin ich immerhin vorbereitet. “Schatz, mein Schlafsack ist auch kalt”, hoere ich Esther im anderen Zelt sagen und kann mir ihren Blick dazu bildllich vorstellen. “Jaja, ich bin ‘ne Henne, gebt mir eure Schlafsaecke”, erwiedert Tobi in gelassenem Tonfall. Laut pruste ich los. “Du bist was?” “Ja, ich bin ein guter Freund, ich waerme Esther den Schlafsack vor.” “Man, warum hab ich das nich hier? Aber nein, ich muss frieren. Vielleicht sollte ich mich zu euch kuscheln”, erwiedere ich scherzhaft. “Ob sie wohl schon fertig ist?”, fragt Esther ihren Freund einen Moment spaeter. “Bist du schon fertig?”, richtet Tobi die Frage an mich. “So gut wie. Nur wenn ich jetzt aufs Klo muss, waere das echt scheisse. Dann muss ich einhalten bis morgen frueh…” Ich bin der festen Ueberzeugung, dass ich dieses Zehn-Minuten-Ritual definitive nicht im Halbschlaf vollziehen koennte. Ausserdem bin ich dafuer echt zu faul. Da quael ich mich lieber. “So, habs geschafft, finally”, meine ich, und wuensche den beiden eine gute Nacht. “Gute Nacht und Schlaf schoen”, hoere ich es von drueben.

“Und jetzt, komm, Schatz, wir poppen uns warm”, hoere ich Tobi ploetzlich ironisch laut durch die Zeltwand. “Ich kann euch hoeren! Das ist nur ‘nen Zelt!” “Klappe, wir haben jetzt Privatsphaere!” “Von wegen Privatsphaere! Zelt!” Grinsend kuschel ich mich mit dem Kopf auf meine Fliesjacke. Schon cool, dass das auf Anhieb so gut mit uns geklappt hat, freue ich mich. Im Auto haben wir etliche Stunden Zeit uns zu unterhalten. Auch der Humor scheint aehnlich. Nicht selten meint Tobi, dass es langsam gruselig wird. Esther und ich seien uns einfach zu aenhlich. Morgen geht’s zum langersehnten Uluru. Ich erinnere mich, dass ich damals im Englischunterricht beim Referat bereits etwas ueber den Ayers Rock berichten sollte. Morgen bin ich dann da. An dem Fels, der fuer mich Australien bedeutet. Wow.

Pea 'n Ham Soup

Freitag, 08.08.2014

In Coober Pedy scheint es ja wirklich nur so von Opal-Shops zu wimmeln, denk ich, als wir den Campingplatz, das „Opal Inn“, verlassen, um uns die kleine Ortschaft mitten im Nirgendwo umgeben von staubiger Erde anzusehen. David, der Belgier mit Campervan, der mich von Port Augusta aus mitgenommen hat, strahlt mich gut gelaunt an. „Wolltest du dir nicht die Huegel angucken?“, fragt er mich mit belgischem Akzent. „Klar, sollen wir da hinten anfangen und spaeter Richtung Stadt laufen? Uns die Untergrundkirche angucken, hm?“ Mit einem hoehnischen Grinsen und hochgezogenen Augenbrauen schaue ich ihn an. Gestern Abend haben wir im sagenumwobenen 'Underground Pub', der sich als einfaches Kellerrestaurant heraus gestellt hat, bereits festgestellt, dass die Sache mit dem Glauben, naja eben so ne Sache ist. Aber wie dem auch sei, denke ich, man muss halt nehmen, was es gibt. Und wenn das Bekannteste, was diese Stadt zu bieten hat, eben ein Space Shuttle aus dem Film 'Pitchblack - Planet der Finsternis', das hoffnungslose Opalschuerfen in der Noodling Area oder eben eine Untergrundkirche ist, dann schaue ich mir das eben an. Schon beim Fruehstueck mussten wir feststellen, dass es leider nicht viel mehr zu tun gibt, hier, wo die Kinder der Aborigines Nachts allein auf der Strasse spielen und das Karussel des winzigen Messeplatzes fast niemals faehrt. Beim betrachten der vermuellten Vorgaerten, der Autofracks und Reifen, die sich auf fast jedem Grundstueck stapeln, ueberlege ich, warum es die Menschen hierher zieht. Der naechste groessere Shop befindet sich in 600 km Entfernung, das Wasser ist besonders im Sommer begrenzt, Obst, Gemuese und Fleisch wird es hier niemals frisch geben. Jeder scheint auf den grossen Fund zu hoffen. Auf Reichtum und Glueck. Wenn, ja, wenn man Glueck hat, dann findet man schon morgen die naechste Opalader. Und dann, dann laesst man es sich gut gehen, zieht ans Meer und geniesst die Tage. Aber bis dahin wohnt man eben hier. Und wahrscheinlich wird sich das auch niemals aendern.

Waehrend wir am rotstaubigen Strassenrand in Richtung Opalfeld laufen, unterhalten wir uns ueber das Kasten-System der Inder und andere Reiseerlebnisse. Ich mag es, Leuten zuzuhoeren, wenn sie von ihren Abenteuern und Eindruecken berichten. Ich glaube, dass ich dadurch gut einschaetzen kann, welches Land ich mir sparen kann, und wo ich doch unbedingt mal hin will. „Meinst du, wir koennen da wirklich rein? Ich mein, da steht doch ueberall, dass das nicht so richtig erlaubt ist“, meint mein neuer Freund, der von den vielen Schildern verunsichert wirkt. „Naja, ehrlich gesagt glaub ich nicht, dass das hier irgendeinen stoert. Und wenn wir nicht so bloed sind, und in eines der Loecher fallen, dann wird es auch nie einer merken.“ Vor uns Tuermen sich gelb-weisse Huegel. Ganz Coober Pedy scheint umrandet von dieser duerr bewachsenen Mondlandschaft. Je weiter wir in das Labyrinth vordringen, desto mehr Spass scheint es David zu machen. Ploetzlich rennt er einen der kleinen Berge hoch. Rotes Geroell loest sich und holpert den Huegel hinunter ins nichts. „Wenn ich ja wenigstens wuesste, wie Rohopale aussehen...“, meinte ich, und starre auf die Steinsplitter. Irgendwie sieht hier ein Stein wie der andere aus. Und die meisten zerfallen in meiner Hand in tausend Einzelteile. Schon komisch, das alles hier. Als wir so durch die Anhoehen klettern, entdecken wir weiteren Schrott, dessen sich die Bewohner der kleinen Stadt hier wohl am Besten entledigen. Kriegt keiner mit und ist bei der naechsten Umgrabung einfach verschwunden. Perfekt, denk ich still, waehrend ich versuche meinen Reisegefaehrten wieder zu finden. „Hast du schon die Loecher gesehen?“, frag ich ihn. „Ja, aber tief sind die nicht.“ Er schmeisst einen Stein in eines der im Durchschnitt etwa fuenfzig Zentimeter messenden Oeffnung. „Das sind dann wohl diese Loecher, vor denen sie ueberall warnen. Niemals Fotos machen und rueckwaerts gehen. Da muss es aber doch bestimmt auch tiefere Schaechte geben oder so“, ueberlege ich laut. „Hierdrin kann man doch nicht sterben...“. Kurz darauf finde ich Knochen zwischen den kleinen gruenen Bueschen. „Ich habe Knochen gefunden!“, rufe ich David nuechtern zu, der auf einem der Huegel sitzt und fotografiert. „Ja? Was denn fuer welche?“ „Menschenknochen“, sage ich noch trockender und mache ein Foto. Erschreckend uninteressiert klettert David weiter und springt den naechsten Abgrund hinunter. Ich muss schmunzeln. Irgendwie habe ich genug gesehen. „Wollen wir zurueck und deine Pea und Ham Soup machen?“, frage ich ironisch. „Was hast du eigentlich gegen meine Pea und Ham Soup? Die ist super!“ „Ja, glaube ich, vorallem aus der Dose. Und wenn man sie jeden Tag ist“, gluckse ich. „Du weisst ja gar nicht, was du verpasst“, verteidigt sich David grinsend. Gemeinsam suchen wir einen Weg zurueck zur Strasse. „Man, hab ich 'ne Menge Sand in meinen Schuhen...“  

Wenn man darueber nachdenkt, ob man wirklich duschen moechte

Mittwoch, 06.08.2014

Ha, ich glaube, ich habe den Trick raus, denke ich belustigt, waehrend mir die lauwarmen Wassertropfen ueber das Gesicht rinnen. Ich sollte hier einfach immer betrunken duschen. Dann ist es gleich doppelt lustig und nur halb so schlimm. Die letzten Tage habe ich ueberraschenderweise sehr gut ohne meine morgendliche Dusche ausgehalten. Schwankend buecke ich mich nach dem Shampoo und stuetze mich mit der anderen Hand an der braun gefliessten Wand ab. Im Barossa Valley, dem beruehmten Weinanbaugebiet in South Australia, ist es kalt. Wo im Sommer die Felder bei rund 45 Grad der Duerre ausgeliefert sind, ist es im Winter auch schon mal um die Minus, darf ich am eigenen Leib erfahren. Alles nicht so schlimm, waeren die Australia, und vor allem ich, dafuer ausgeruestet. Jackys altes und unkonventionelles Farmhaus, im wahren Leben gerade mal 40 Jahre alt, sieht aus, als haette es sogar schon das Mittelalter ueberlebt. Schlicht gebaut, die Aussenwaende von massiven Holzpfaehlen getragen, hat es lediglich eine von einer Steinwand umgebene Feuerstelle. Eine Feuerstelle! Keine Heizung. Aber wozu auch? Es gibt ja keine Raeume, grinse ich schief, und wasche mir den Schaum aus den Haaren. Alles ist offen, ich schlafe in einem Hochbett im ‘Flur’ und werde jeden Morgen um sechs Uhr mit dem Baby wach. Meine erste Aufgabe am Morgen: Huehner fuettern. Grossartig. Ich muss allerdings zugeben, dass es mindestens ein Gutes hat, wenn man hier im Barossa Valley wohnt. Man hat Wein. Und zwar ‘ne Menge. Nicht nur im Keller, weil Jacky zufaellig naemlich auch noch voll die Ahnung vom Weinanbau hat, auch in der kompletten Umgebung gibt es Wein. Ein Weingut neben dem anderen, wenn nicht gerade ein Weinberg dazwischen liegt. Waehrend das Wasser, seine Temperatur ist mir im Moment zum Glueck egal, weiter auf mich herabrieselt, beobachte ich den nach oben steigenden Dampf. Heute waren wir auf dem Feld. Mal was anderes als Babysitten, mit dem ich sonst immer beschaeftigt werde. Der neue Backpacker Chris und ich durften Jacky dabei helfen, die Weinreben zu sortieren. Wir haben sie zurueck geschnitten und totes Holz entfernt. Wahrscheinlich hab ich morgen von der Astschere ordentlich Muskelkater, ueberleg ich, und knete mir die Arme. Irgendwie ging es auch um die Scheonheit der Rebe. Da war Jacky ziemlich genau, stelle ich fest. Wahrscheinlich kommen da ihre deutschen Wurzeln zum Vorschein, schmunzel ich. Aber da ging es auch um die Energie, die ja nur in bestimmte Ecken der Pflanze fliessen soll, und besser gute Trauben als zu viele, oder so. Jedenfalls ist die Arbeit gar nicht so schlecht. Am Ende freut man sich, weil man endlich mal was geschafft hat. Und weil Chris und ich so fleissig waren, haben wir uns anschliessend eine Weinprobe gegoennt. Bereits nach dem ersten Weingut war ich ordentlich beschwippst, kann ich mich gerade noch so erinnern. Wir waren die einzigen Kunden. Und ich glaube, ich habe noch nie so teuren Wein getrunken. Interessant war es. Und lecker. Und nun, dachte ich mir, sollte ich vielleicht doch noch mal duschen, bevor es fuer mich ins ungewisse Outback geht. Auch wenn man vorher, zwischendrin und hinterher ordentlich friert, in diesem Haus, und praktsich nie wieder warm wird. Aber wie bereits festgestellt, betrunken ist es fast schon wieder lustig. Ich drehe den Wasserhahn zu und suche nach meinem Handtuch. Auch wenn es hier in Lyndoch eine interessante Zeit ist, freue ich mich doch schon wieder darauf, die Tuer der Toilette und zum Badezimmer, und nicht nur den Vorhang, schliessen zu koennen.

Gagaju

Montag, 16.06.2014

“Do you want a cup of tea?”, fragt mich das Maedchen, das gerade dabei ist irgendwie Feuerholz aus dem umliegenden Gebuesch zu suchen. Sie scheint erstaunlich wach. Die Kohle des Lagerfeuers glueht noch ein bisschen von letzter Nacht. Die haben ja echt fette Holzstuecke da drauf geschmissen, denk ich und halte meinen Fuss ueber die Asche. Mir ist furchtbar kalt. Die letzte Nacht mussten wir in Holzhuetten schlafen, die auf halber Hoehe gerade mal ein Fliegenschutz haben. Die Betten waren interessant. Hochbetten aus jeweils zwei dickeren Balken rechts und links. In der Mitte eine Art Rattan, nur irgendwie weicher, irgendwie aus Stoff, sodass es fast schon wieder aussah wie eine Haengematte. Beim ersten Eindruck witzig, nach der ersten Nacht echt scheisse, resumiere ich. Meine Fuesse hingen ueber, von unten kam die Kaelte und schlich sich in den viel zu duennen Schlafsack. Ich hab das Gefuehl, als haette ich kaum geschlafen. “Maybe we can start the fire again, the tea is overthere in the kitchen”, meint die junge Frau froehlich und huepft plappernd ums Feuer, um die Glut anzufachen. “Thank you so much, that’s so nice. I almost can’t move…”, mein ich, und hole mir zitternd den Tee aus der ueberraschender Weise gut ausgestatteten Kueche. Vielleicht ist es hier unten in Noosa einfach schon zu spaet im Jahr, um zu campen, ueberleg ich. Ausserdem ist dieses ganze Camp ueberschattet von Baumen, um uns herum Teiche und der Fluss. Die Everglades, hat mir der Typ damals in Cairns bei Happy Travels gesagt. Von wegen. Eigentlich ist es einfach nur ein Fluss. Die beruehmte Gegend mit dem schwarzen, spiegelglatten Wasser faengt erst weiter im Sueden an. Was soll’s, Kanu fahren ist Kanu fahren, habe ich beschlossen. Dank des Wassers wimmelt es natuerlich auch nur so von Muecken, stelle ich fest, als ich mal wieder auf mein Bein klatsche. Ich muss unbedingt das Anti-Muecken-Spray drauf machen, versuche ich mich zu erinnern. Ohne das ueberleb ich hier nicht…

Rund eine Stunde spaeter, wir befinden uns inzwischen auf dem Wasser, sitze ich mit Jente, die ich bereits aus dem Cast-Away Camp kenne, und Fabienne im Boot. Wenigstens hier ist es warm. Solange man nur in der Sonne sitzt, ist alles gut. Das einzige Problem ist der Schatten im Camp. Ich streife mein Shirt ueber und geniesse im Bikini die warme Sonne. Langsam sind meine Fuesse auch wieder aufgetaut. Wir paddeln also mit zwei anderen Booten den Fluss hinauf. Hinter einer der vielen Kurven soll da ein See auftauchen. Und dann koennten wir schwimmen gehen und Picknick machen, hat uns die Campleitung, ein muerrischer Mann in den 70ern, berichtet. Es sieht so aus, als komme das andere Maedelsboot nicht so wirklich voran, denk ich. Dafuer strahlen Marianne, Marten und Jonas neben uns von einem Ohr zum anderen. Obwohl mein Boot unsere Kolonne anfuehrt, haben auch wir unsere Probleme. Ob das eigentlich immer so ist, wenn man das erste Mal zusammen Boot faehrt? Ob Kajak, Kanu oder Ruderboot, irgendwie hat es immer gedauert, bis sich die Leute eingespielt haben, ueberleg ich und denke an Polen zurueck. Waehrend Tobi und ich es nach einer halben Stunde Diskussion und Frustration raus hatten, drehten sich Ludwig und Maka immer noch im Kreis. Recht ungallant kommen sich hier jetzt auch Jente und Fabienne mit ihren Paddeln in die Quere. Was ist denn eigentlich so schwer daran, immer im Gleichtakt das Paddel durch das Wasser zu ziehen? “Treeee!”, ruft Fabienne ploetzlich besorgt. Ich sitze im hinteren Teil des Bootes und bin somit fuer’s Steuern zustaendig. ”Jaja, no problem”, mein ich, “I saw that!” Sind ja schliesslich auch noch rund fuenfzehn Meter bis dahin, denk ich genervt. Ich habe das Gefuehl, dass staendig eine der anderen erzaehlen muss, was sie doch bitte anders machen koennte.

Nach einer Weile haben wir uns geeinigt oder stillschweigend beschlossen, einfach den Mund zu halten und die eigenen Bedenken zu verdraengen. Wir biegen in einen abknickenden Fluss ein und steuern unseren Picknickort an. Schoen hier, das Wasser wird sogar etwas schwaerzer. Erkennen, was sich da so im Wasser tummelt, kann man nicht. “There’s the tree with the swing!”, mein ich und freu mich, ueberraschenderweise, schon auf die Abkuehlung. Kurze Zeit spaeter kommen wir an dem beschriebenen Tisch mitten im Nirgendwo an und geniessen unsere Sandwiches. “Should we go for a swim? I’d like to try the swing on that tree”, frag ich die Mutigeren unter uns. “Ah, I’m finally warm, no, I don’t want to…”, meint Jonas. Auch Marinna kneift und argumentiert, man koenne ja nicht sehen, was da drin sei. Leute, denk ich, was ist denn los mit euch? Warum zieh ich denn immer das Langweilerlos? “Du, Fabienne, vielleicht?”, setzte ich meine Hoffnung auf die taffe Koechin. “Ne, das sieht mir zu dreckig aus. Vielleicht spaeter am Strand.” “Ach man..”, seufze ich. Alleine will ich irgendwie auch nicht. Wir packen also unsere Sachen wieder in die blauen, wasserdichten Faesser und setzen uns in die Kanus. Diesmal versucht es Fabienne als Steuerfrau. Ich kann nur hoffen, dass wir wenigstens ein paar Stachelrochen sehen. Die Campleitung meinte, dass es die hier zu Genuege gaebe. Ein weiterer Grund, weswegen die meisten nicht ins Wasser wollen. Als ob sie alle wie Steve Irwin von ihnen gestochen werden… Also irgendwo hoert die Panikmache dann aber auch mal wieder auf, denk ich und paddle gedankenverloren den Fluss zurueck zum See.

 

"Spring, du Bloedmann"

Donnerstag, 12.06.2014

Auf dem ‘Indian Head’ sitzend blicke ich nachdenklich aufs Meer hinaus. Die Sonne scheint angenehm warm auf mein Gesicht. Um mich herum wimmelt es, wie so oft, von Backpackern. Alle irgendwie Reisende in der Uebergangszeit. Wir befinden uns auf einem Felsenberg auf Frasers Island, einer lediglich aus Sand bestehenden Insel ohne wirklich asphaltierte Strassen. Eine lustige Angelegenheit, wenn man da so ueber die Steine holpert oder den Wellen am Strand ausweicht, denk ich begeistert, und freue mich schon auf morgen, wenn ich dann endlich dran bin, das Auto zu fahren. So wie’s aussieht, werden das wohl eh nur fuenfzehn Minuten. Wir haben ein allradangetriebenes Fahrzeug, welches wir uns zu siebt teilen. Ausserdem sind wir dummerweise, wie konnte es bei meinem Glueck anders sein, das Team, das eigentlich mit dem Guide faehrt, und deswegen jeden Tag einem anderen Team das Auto klaut. So scheinen es die anderen jedenfalls aufzufassen. Dieser Fakt macht uns irgendwie zu einer Art Aussenseiter, ueberleg ich, und denke an gestern Abend. Waehrend die anderen groelend Trinkspiele spielten, sassen meine Maedels und Ben am Lagerfeuer und teilten sich ihr Bier mit den wenigen anderen. Ich hoffe, dass es heute Abend ein bisschen spannender wird und nicht wieder alle so frueh ins Bett gehen. “Da! Da ist ein Wal! Oh mein Gott, ich muss ein Foto machen!”, quiekt Janine mit ihrer aufgeregten Art und fuchtelt mit den Armen. Jep, ich hab ihn springen sehn, denk ich gelassen. Schoen. Ein echter Wal. Ich muss an Monne denken. So ein Mist, dass Muzza, unser Tourguide, gerade meine Kamera entfuehrt hat, um ein paar “special photos” zu machen. Irgendwo da unten klettert er also rum. Was kann das schon so spannend sein, denk ich, und schaue die Felsen hinab. Nagut, dann werde ich eben das Bild in meinem Kopf speichern. Fotografieren lenkt einen eh nur von der eigentlichen Sachen ab. Fast kann man das Platschgeraeusch hoeren, als der Humpback erneut aus dem Wasser springt und mit seinem Ruecken auf der Oberflaeche landed. Irgendwie hab ich mir Wale immer grosser vorgestellt, denk ich, und erinnere mich an meine Grundschullehrerin, die damals etwas von zwei, drei Bussen hintereinander erzaehlt hat. Der hier sieht dagegen jetzt halt eher klein aus. Naja, vielleicht liegt’s ja auch daran, dass ich einfach zu weit weg bin, gruebel ich, ziehe eine Schnute und versuche meinen Blick zu schaerfen. Oder es liegt eben daran, dass ich mir in meiner kindlichen Begeisterung die Tiere einfach groesser vorgestellt habe und gedanklich schon wieder ganz woanders war, als in der 3c. Die Jungs und Maedels, die sich inzwischen an den Kanten des Aussichtspunktes versammeln haben, staunen jedenfalls Baukloetze. “Aehm, kannst du vielleicht mal kurz woanders hin, dass ich mich dahin setzen kann? Und kannst du dann ein Foto von mir machen?”, fragt Janine mich voellig von sich ueberzeugt. Perplex schaue ich sie an. “Ernsthaft?” “Oh, bitte, bitte, ich mach dann auch eins von dir”, strahlt sie uebergluecklich und wirft ihr langes, blondes Haar nach hinten. Muzza ist inzwischen wieder da und reicht mir meine Kamera. Dieses Maedchen macht mich noch verrueckt. Mit ihrer unsensiblen und naiven Art geht sie bald allen auf den Keks. Immer hat sie Angst etwas zu verpassen. Ich hab noch nicht ganz raus, bei welchen Worten sie Alarm schlaegt, aber ich sollte sie vermeiden. Ich stehe also auf, sie setzt sich auf meinen Platz und ich knippse gespielt dramatisch ein paar Fotos. Es ist einfach zu witzig, wenn Leute nicht checken, dass sie verarscht werden. Achja, machmal bin ich unergruendlich gemein, denk ich und grinse. “Alright guys, let’s go, there is so much more to see!”, ruft uns Muzza in Partylaune und zappelnd zusammen. Die dreissig Leute setzen sich langsam in Bewegung.

Unten angekommen schwingen wir uns wieder in unsere vier Autos. Ja, er hat recht, denk ich, da ist wirklich so viel mehr zu sehen. Gestern waren wir in einem Duenensee baden und haben das Wrack gesehen, das langsam von den Meereswellen zerfressen wird, heute die Champagner-Pools. Jeden Tag stehen mindestens zwei Dinge auf unserem Plan. Ich bin mir sicher, dass Fraser ohne Tour noch wahnsinnig viel mehr zu bieten hat und beschliesse, dass ich auf jeden Fall einmal wieder kommen werde – wann auch immer das sein mag. Es scheint, als haette diese Insel so viele Geheimnisse und unglaubliche Natur zu bieten, dass man sie einfach nich mal eben in drei Tagen abklappern kann. Das Rumpeln des Autos schreckt mich aus meinen Gedanken. Eva faehrt. So ganz sicher scheint sie sich nicht zu sein. “Muzza here, Muzza here, put the gear for the fourwheeldrive in 2 and drive soft and gently through the upcoming sandy part!”, kratscht es aus dem dunkelgruenen Walkitalki. Im Hintergrund hoert man laute Musik. “Alles klar, du schaffst das schon”, mein ich vom Beifahrersitz aus zu Eva und versuche sie zu beruhigen. “Du machst das gut bisher!” Die anderen diskutieren laut durcheinander, kreischen oder halten sich an den Vordersitzen fest. Nicht gerade hilfreich, denk ich und saeufze. Ausserdem darf man sich sowas echt nicht leisten, wenn man weiss, dass man auch noch dran ist. Wir schlittern ueber den gelben Sand, die Reifen verlieren kurz ihren Halt. “Einfach ganz ruhig weiter fahren…”, mein ich wiederholt. “with a bit more speed, please”, knattert das Geraet in meiner Hand. Eva tritt auf’s Gas. So hat er es bestimmt nicht gemeint, denk ich und muss lachen. Das Auto wackelt und setzt sich im weichen Sand fest. Mit einem aufhaeulenden Geraeusch drehen die Raeder durch. “Oh nein”, sage ich grinsend, und schaue zu Eva rueber. “Allright guys, let’s get out and move the car”, mache ich lachend den Vorschlag. Scheinbar scheint unser Teamzusammenhalt immerhin in Notsituationen zu funktioniert, denke ich erstaunt. Bisher hatten wir uns eher in der Wolle, als dass es ein entspannter Trip gewesen waere. Amber, Sarah und die anderen klettern aus dem Wagen. Wir schieben das Auto gemeinsam nach hinten. Zum Glueck bewegt es sich recht einfach. Die Reifen finden wieder Halt, Eva ist erleichtert. “Okay, just drive back and try it with more speed from the beginning on. But keep doing it and don’t move the car to quickly!”, ruft Muzza uns vom vorderen Auto zu. Woher soll man das auch wissen, wenn man’s noch nie gemacht hat, pflichte ich unserer Fahrerin bei. Die Kolonne setzt sich im Rueckwaertsgang in Bewegung. Die anderen scheinen genervt. Ich find’s witzig und hab meinen Spass. Der zweite Anlauf laeuft unter Anfeuerung unserer Gruppe im Auto erstaunlich gut. Wir haben’s also geschafft, freue ich mich. Mal sehen, wo’s jetzt hingeht. Gespannt geniesse ich die Landschaft, als wir endlich wieder auf dem nassen Sand des Strandes sind, auf dem sich das Fahren, wie es scheint, viel einfacher gestaltet. “Dingo!”, ruft Janine unverhofft und deutet mir dem Finger auf einen der wilden Hunde. “My dog is half a Dingo, did I tell you that?”, fragt sie wieder einmal aufgeregt in die Runde. Ja, das hast du bereits, denke ich. Wann wird sie endlich damit aufhoeren?

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